#ResidencyInsights
Sprungbrett < > Tanzrecherche NRW

Amanda Romero, Greta Salgado, Constanza Javiera Ruiz


by Fabio Neis

Kategorie
Artists in residence

Einblick // Physische Studien zum ›Tinku‹ in Studio 1

1. Während eurer Residenz bei PACT setzt ihr euch mit dem performativen Repertoire des ›Tinku‹ auseinander, einem Tanz der einheimischen Kultur Boliviens. Wie seid ihr auf dieses Thema gestoßen und haben sich Fragestellungen hierzu ergeben, die im Zuge eurer Recherche wiederholt aufkommen?

 

Jede von uns Dreien hat ihren eigenen Zugang zu dem Thema: einerseits besteht das Interesse an der Karnevalskultur in Südamerika sowie dem kollektiven Gefühl, was dabei entsteht; dann gibt es das Interesse an der Hochland-Kultur der Anden sowie den Bezug zu ihrer Umgebung durch die andine Kosmovision. Auch interessieren wir uns für die verschiedenen Ausdrucksformen der menschlichen Aggressivität und für die verschiedenen Räume, die von den Menschen kreiert werden, um ihr Platz zu schaffen, also einen freien Ausdruck für Aggressivität zu erlauben. Das Kampfritual des ›Tinku‹ ist ein Beispiel hierfür.

Schon aufgrund der ersten Informationen zum ›Tinku‹, die wir bisher gesammelt gesammelt haben, sind viele Idealisierungen weggefallen. Im Zuge intensiverer Reflexion und physischer Auseinandersetzung mit dem Thema beschäftigen uns nun Fragestellungen wie diese: Wie begreifen wir uns drei - als Individuen und als Gruppe - in dem Gefüge der einheimischen Kultur Boliviens? Von welcher Konzeption der einheimischen Kultur Boliviens gehen wir aus? Und welchen Bezug wollen wir zu ihr schaffen? Was steht uns demnach zu oder - besser gesagt - nicht zu?

Ja, die Frage der Exotisierung durch die Idealisierung ist uns sehr präsent. Deswegen reisen wir im Februar nach Bolivien, um unsere theoretische Idealisierung durch praktische Erfahrung auszugleichen!

Dies alles sind Fragen zur Arbeitsweise, die uns andere Themenkomplexe aufzeigen, wie zum Beispiel: Gibt es die Möglichkeit einer neuen Form der Kolonisierung durch die zeitgenössische, geförderte, westliche Kunst? Wie schafft man einen Austausch zwischen zwei Kulturen in gleichwertiger Anerkennung ihrer jeweils verschiedenen Mittel und Möglichkeiten ohne in eine etablierte Hierarchie hineinzugeraten?

 

2. Bei dem ›Tinku‹ handelt es sich um einen öffentlichen Tanz zweier Personen in der Mitte eines aus Zuschauern gebildeten Kreises. Dieser ursprüngliche Karnevalstanz, mit dem ihr euch bei PACT choreographisch auseinandersetzt, sieht ursprünglich als Komponente vor, dass er erst beendet ist, sobald ein Tropfen Blut auf die Erde trifft. Was sich brutal anhört, hat einen spirituellen Gedanken und zielt darauf ab, der Mutter Erde aus Dank eine Opfergabe zurückzugeben. Könnt ihr dieses Konzept der der Wechselseitigkeit näher beschreiben?

 

Dieser Tanz wird in einer Region praktiziert, in der viele Menschen sich der Landwirtschaft widmen und sie somit eine sehr enge Verbindung mit der Erde haben. Und nicht nur als Individuen haben sie diese Verbindung, sondern vor allem als Kollektiv, dass diese gemeinsam Naturverbundenheit auslebt. Viele Menschen geben individuell Opferungen, wenn es ihrer Gemeinschaft in Verbindung mit der Umgebung hilft. Diesen Unterschied in der Ausrichtung der Werte finden wir reizvoll: In der Andenkultur ist das Kollektiv wichtiger als das Individuum, wohingegen in der westlichen Kultur das Individuum und dessen Erhalt (Menschenrechte) zunächst wichtiger erscheint. Interessant ist dieser Perspektivenwechsel vor allem im Hinblick auf die globalisierte Welt, wo diese verschiedenen Werte in Reibung zueinander treten können. Wir beschäftigen uns mit der Frage, wie mit dieser Reibung umgegangen wird: Können diese verschiedenen Weltanschauungen koexistieren oder bilden sich im Endeffekt doch Wertehierarchien?

 

3. Ihr habt euch auch körperlich mit dem ›Tinku‹ auseinandergesetzt. Wie habt ihr die Momente der Konfrontation und Begegnung mit dem Gegenüber erfahren und was erwartet ihr davon, diese traditionellen Tänze und Zeremonien, vor Ort selbst zu erleben?

 

In der zweiwöchigen Recherchephase bei PACT Zollverein, die nun hinter uns liegt, haben wir einen Teil der Zeit dem Erforschen des Konzepts des Tinku aus seiner etymologischen Herkunft, mit Werkzeugen des zeitgenössischen Tanzes, gewidmet. Tinku heißt auf der Quechua-Sprache “Begegnung” und in der Aymara-Sprache “Physische Attacke”. Mit der Fragestellung, was diese beiden Begriffe auf einer körperlichen Ebene bedeuten, haben wir uns auf die Suche nach verschiedenen Umsetzungen einer körperlichen Begegnung und Konfrontation gemacht. Inspiriert haben uns die Videos, die wir von dem Ritual gefunden haben und die Elemente des Tinku-Tanzes, die wir aus verschiedenen Perspektiven parallel erlernt haben. Wir haben viel geschrien und gerufen, gejubelt, gefaucht und laut animiert.

Unsere Reise nach Bolivien ist schon geplant: im Februar, dem Monat des Karnevals. Da unser Interesse hauptsächlich in der physischen Ebene des Rituals liegt und wir eine physische Recherche machen wollen, für die unser wesentliches Wahrnehmungs- und Dokumentationsmittel unserer eigener Körper ist, werden wir in Cochabamba einer ›Fraternidad‹ (Bruderschaft) des Tinku beitreten und darin den Tanz weiter erlernen. Dann werden wir in den verschiedenen Städten, die der Karneval durchwandert, mittanzen. Der Tinku-Tanz, so wie viele der anderen Tänze, die im bolivianischen Karneval getanzt werden, werden in zwei Ausdrucksformen geteilt: der autochthone Tinku, simpler und an die ruralen Regionen gekoppelt, ‘näher’ an seinen Ursprung, und der folklorische Tinku mit seinem urbanen Ursprung, erarbeiteter und damit ‘weiter weg’ von seinem Ursprung im Kampfritual. Wenn man als Nicht-Einheimischer hierbei mitmachen möchte, ist der zweite Bereich zugänglicher; also werden wir diesen mittanzen und den ursprünglichen Tinku aus einer mehr beobachtenden Perspektive heraus erleben.

Eine unserer angedachten Herangehensweisen ist es, den Weg auf der Bewegungsebene zurückzuverfolgen, den der Tanz aus dem Ritual gemacht hat. So möchten wir sehen, was für Themen sich hieraus ergeben und welche Verknüpfung diese mit unseren bisherigen Gedanken hat. Dafür spielen wir auch mit dem Gedanken, im Mai das Ritual in ›Macha‹ mitzuerleben.

 

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Die Residenz ist ein Projekt von SPRUNGBRETT < > TANZRECHERCHE NRW, ein Kooperationsprojekt von tanz nrw 19 und NRW KULTURsekretariat. 


Auch Lin Verleger, Viola Luise Barner, Bahar Gökten habe zwei zweiwöchige Recherche- und Arbeitsresidenzen bei PACT Zollverein und im tanzhaus nrw erhalten. Einblicke in ihre Residenz gibt es ebenfalls im Journal.

Die Ergebnisse ihrer Recherche und Arbeitsresidenz werden im Rahmen des Festivals tanz nrwzwischen dem 08. und 19. Mai vorgestellt.

Teaser zum Stück ›.DENCUENTRO‹

Greta Salgado Kudrass beendete 2017 ihr Studium für zeitgenössischen Tanz am HZZT in Köln. Zur Zeit arbeitet sie als freischaffende Tänzerin im Rahmen des Kooperationsprojektes ›SIGNIFYING GHOSTS‹ mit Rafaelle Giovanola-Endrass, Kettly Noel, Nelisiwe Xaba und Vera Sander. Bisher ist als eigene Arbeit entstanden: ›Solving Torsion Alone‹, eine Soloperformance über das Thema Aggressivität. Bis September 2018 arbeitet sie zusammen mit Amanda Romero im Rahmen des Incubator Residency Programms der Tanz Faktur Köln. 

Constanza Ruiz Campusano geboren und aufgewachsen in Chile, 2018 erhielt sie den Bachelor für zeitgenössischen Tanz am HZZT in Köln. In 2009 erhielt sie den Bachelor in Soziologie. Eigene Arbeiten u.a.: ›SALT‹ mit Silke Schuster und Sanaz Startcic, eine multimediale Performance, mit dem Thema: Organisation von Routine. Weitere Felder in ihrer beruflichen Praxis sind unter anderem auch Reiki, Soziologie und hispanoamerikanische Kultur. 

Amanda Romero Canepa studierte von 2013-2017 zeitgenössischen Tanz an der HZZT in Köln. Seit 2016 organisiert und leitet sie sozial-künstlerische Projekte mit Tänzern aus Lima. Im März diesen Jahres begann ihre Recherchearbeit ›Just living matter‹ in Kooperation mit Greta Salgado und im Rahmen der Inkubator Residenz der Tanzfaktur. Außerdem entwickelt sie seit April 2018 das Projekt ›Tierra, Fuego y nosotros‹, welches ein interdisziplinäres, künstlerisches Projekt mit Tänzern aus Peru und Europa ist. Die Recherche wird mit Unterstützung eines Auslandsstipendium des Landes NRW Anfang 2019 in Lima, Peru stattfinden.