NRW Erklärung Die Vielen

#NIEWIEDER – Ein Aufruf der Vielen NRW zum 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges

In diesem Jahr wird der 8. Mai als ‚Tag der Befreiung‘ in Berlin erst- und einmalig als Feiertag gefeiert. Anlass dafür ist, dass sich das offizielle Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa zum 75. Mal jährt.

Wir, DIE VIELEN NRW, finden es notwendig, sich mit den immer noch spür- und sichtbaren Auswirkungen des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Diesen Tag als Mahnung zu verstehen.

Wir leben in einer Zeit, in der Rechter Terror immer neue Opfer fordert, sich viele Länder abschotten und auf ihre nationalistischen Interessen berufen. Auch der Nationalsozialismus war das Produkt eines übersteigerten Nationalismus. Deswegen ist gerade jetzt Solidarität über Grenzen hinweg genauso wichtig, wie der Austausch unterschiedlicher Erinnerungspraktiken und Perspektiven auf die Vergangenheit und Gegenwart.

Wir, DIE VIELEN NRW, schließen uns an, das Ende des Zweiten Weltkrieges und des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland zu feiern. Wir stellen uns aber die Frage, ob wir im Zuge der Feierlichkeiten in Deutschland verallgemeinernd von ‚Befreiung‘ sprechen können und sollten. Die militärische Kapitulation der Wehrmacht wird oft vorschnell mit der ‚Befreiung‘ vom Nationalsozialismus gleichgesetzt. Die Kapitulation vor 75 Jahren war eine Bedingung für die Auseinandersetzung mit den begangenen Verbrechen. Von einer gesellschaftsübergreifenden ‚Befreiung‘ von nationalsozialistischen Ideologien konnte damals – und kann bis heute – jedoch keine Rede sein.

Deswegen finden wir, DIE VIELEN NRW, das ‚Wie‘ des Gedenkens entscheidend!

Nur von ‚Befreiung‘ zu sprechen etabliert einen gefährlichen ‚Erinnerungskonsens‘, der zu einer unkritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit neigt. Damit wird es allzu
leicht, mit der NS-Zeit abzuschließen und die Frage nach der eigenen Verantwortung damals wie heute auszublenden. Gerade die staatliche Anerkennung der Erinnerungen von Minderheiten musste und muss weiterhin gesellschaftlich erstritten werden, Gerechtigkeit im juristischen
Sinne blieb oftmals aus.

Die letzten 75 Jahre zeigen, dass das Erinnern an das Unrecht immer wieder neue Perspektiven auf die Gegenwart eröffnet. Erinnerung ist für die Gegenwart wichtig. Rechte Strukturen und Übergriffe, Rassismus, Antisemitismus und Angriffe auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind weltweit Realität. Sie führen auch heute in Deutschland zu Gewalttaten, zu Aus- und Abgrenzung. Dieser Menschenverachtung muss sich eine demokratische Mehrheit aktiv widersetzen.

Wir wollen daher den 8. Mai nutzen, um der Opfer zu gedenken, und um auf das Überdauern radikal nationalistischer Ideen in altem und neuem Gewand aufmerksam zu machen. DIE VIELEN in ganz Deutschland schaffen durch ihre Initiativen ein waches Netzwerk, um die Freiheit in der Gesellschaft, in Kunst und Kultur zu wahren.

Grundlegende Menschenrechte und die Ideale der Gleichheit aller sind auch in einer Demokratie keine Selbstverständlichkeit. Gemeinsam wollen wir – nicht nur am 8. Mai – für Menschenrechte und gegen ein Wiedererstarken rechtsnationaler Weltanschauungen einstehen.

Wir fordern: NIE WIEDER!

NRW-Erklärung der Vielen

Gemeinsam mit mehr als 140 Kulturinstitutionen, Verbänden, Organisationen sowie freien Kunst- und Kulturschaffenden aus ganz Nordrhein-Westfalen gehört PACT Zollverein zu den Erstunterzeichnenden der ›NRW-Erklärung der Vielen‹.

Mit der Erklärung wird der Zusammenhalt in Kunst und Kultur als Teil des zivilgesellschaftlichen Engagements gegen rechtspopulistische sowie völkisch-nationale Strömungen artikuliert. Aktive der NRW-Kulturlandschaft und ihre Interessensverbände setzen mit dieser Erklärung ein gesellschaftspolitisches Signal, das in unsere tägliche Praxis eingreift: Wir – die Unterzeichnenden – zeigen gemeinsam Haltung für Toleranz, Vielfalt und Respekt und verpflichten uns, aktiv und nachhaltig dafür zu arbeiten.

 

Kunst schafft einen Raum zur Veränderung der Welt 

Als Kulturschaffende in Deutschland stehen wir nicht über den Dingen, sondern auf einem Boden, von dem aus die größten Staatsverbrechen der Menschheitsgeschichte begangen wurden. In diesem Land wurde schon einmal Kunst als entartet diffamiert und Kultur flächendeckend zu Propagandazwecken missbraucht. Millionen Menschen wurden ermordet oder gingen ins Exil, unter ihnen auch viele Kunstschaffende. 

Heute begreifen wir die Kunst- und Kultureinrichtungen als offene Räume, die Vielen gehören.
 Unsere Gesellschaft ist eine plurale Versammlung. Viele unterschiedliche Interessen treffen aufeinander und finden sich so im Dazwischen. Demokratie muss täglich neu verhandelt werden – aber immer unter einer Voraussetzung: Es geht um Alle, um jede*n Einzelne*n als Wesen der vielen Möglichkeiten! 

Der rechte Populismus, der die Kultureinrichtungen als Akteur*innen dieser gesellschaftlichen Vision angreifen, steht der Kunst der Vielen feindselig gegenüber. Rechte Gruppierungen und Parteien stören Veranstaltungen, wollen in Spielpläne eingreifen, polemisieren gegen die Freiheit der Kunst und arbeiten an einer Renationalisierung der Kultur.

Ihr verächtlicher Umgang mit Menschen auf der Flucht, mit engagierten Kulturschaffenden, mit allen Andersdenkenden verrät, wie sie mit der Gesellschaft umzugehen gedenken, sobald sich die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten verändern würden. 

Wir als Unterzeichnende der NRW Kunst- und Kultureinrichtungen, ihrer Interessensverbände und freien Kunst- und Kulturschaffenden begegnen diesen Versuchen mit einer klaren Haltung:  

  • Die unterzeichnenden Kunst- und Kulturinstitutionen führen den offenen, aufklärenden, kritischen Dialog über rechte Strategien. Sie gestalten diesen Dialog mit Mitwirkenden und dem Publikum in der Überzeugung, dass die beteiligten Häuser den Auftrag haben, unsere Gesellschaft als eine demokratische fortzuentwickeln. 


  • Alle Unterzeichnenden bieten kein Podium für völkisch-nationalistische Propaganda. 


  • Wir wehren die illegitimen Versuche der Rechtsnationalen ab, Kulturveranstaltungen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. 


  •  Wir verbinden uns solidarisch mit Menschen, die durch eine rechtsextreme Politik immer weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. 


Rassismus ist Alltag. Rechtsextremismus ist ein Symptom davon. Dieses Bündnis will nicht nur Symptome bekämpfen, sondern in die Tiefe wirken. Wir setzen uns deswegen mit den eigenen Strukturen auseinander und stellen diese zur Verhandlung. Wir müssen die Kunst- und Kulturräume sowie unsere Gesellschaft öffnen, damit wir wirklich Viele werden! 



Solidarität statt Privilegien. Es geht um Alle. Die Kunst bleibt frei! 
 

Hintergrund

Mit der Erklärung wollen DIE VIELEN NRW den Zusammenhalt in Kunst und Kultur als Teil der Zivilgesellschaft gegen rechtspopulistische sowie völkisch-nationale Strömungen deutlich artikulieren. Die Kunst- und Kulturschaffenden setzen mit dieser Erklärung ein gesellschaftspolitisches Signal, das in unsere tägliche Praxis eingreift. Wir zeigen gemeinsam, NRW und bundesweit, Haltung für Toleranz, Vielfalt und Respekt. 


Erklärung der Vielen NRW – Selbstverpflichtung

  1. Als Unterzeichner*innen sind Kultureinrichtungen, Kunstinstitutionen, ihre Interessensvertretungen oder Verbände sowie freie Kunst- und Kulturschaffende angefragt. 


  2.  Mit ihrer Unterschrift erklären sich die Unterzeichnenden bereit, den Text der Erklärung innerhalb der eigenen Organisation bzw. des eigenen Arbeitsumfeldes unter bspw. Mitarbeiter*innen, Ensemblemitgliedern, Kurator*innen, Publikum und Besucher*innen bekannt zu machen und darüber ins Gespräch zu kommen. 


  3. Die Erklärung wird auf der Internetseite, im Programmheft, als Aushang im Foyer uvm. veröffentlicht. 


  4. Die Unterzeichnenden werden auf der Homepage www.dievielen.de sichtbar gemacht. Eine Verlinkung ist gewünscht. 


  5. Die golden–glitzernde Rettungsdecke, das Symbol der Vielen, soll je nach Corporate Design der Einrichtung Anwendung im Zusammenhang mit der Erklärung finden – ob als Fahne, Layout-Hintergrund, als Icon oder golden-glänzend hinterlegte Schrift (Tool-Kit wird bereitgestellt). 


  6. Die Unterzeichnenden bereiten Informationsveranstaltungen, Gespräche und Aktivitäten im Sinne der vier Handlungsebenen der Erklärung vor, die Termine werden gemeinsam über www.dievielen.de kommuniziert. 


  7. Im Rahmen der eigenen Pressearbeit und einer zentralen Pressekonferenz werden die Erklärung und die Kampagne mit Stichtag zum 9. November veröffentlicht. Aktionen zum Kampagnenstart wie das Hissen der goldenen Rettungsdecken an den Kulturorten, erste Informationsveranstaltungen, Lesungen uvm. werden selbstständig realisiert und gemeinsam koordiniert. 


  8. Die Kampagne zur Erklärung der Vielen hat einen regionalen Charakter und wird über regionale Zusammenschlüsse von Kulturschaffenden als „Berliner, Hamburger, Dresdener, NRW uvm. Erklärung der Vielen“ bundesweit verbreitet. 


  9. Die Unterzeichnenden bleiben durch regelmäßige Treffen im Austausch miteinander. Sie verpflichten sich außerdem zu einer kritischen Überprüfung der Ausschlussmechanismen im eigenen Arbeitsumfeld sowie im Zusammenschluss der Vielen NRW. 


  10. Die Unterzeichnenden beteiligen sich aktiv an einer bundesweiten Kampagne mit Aktionstagen, Dialogforen und der Mobilisierung zu einer „Glänzenden Demonstration der Kunst und Kultur – Solidarität statt Privilegien. Es geht um Alle. Die Kunst bleibt frei!“ in Berlin zum Mai 2019 (voraussichtlich Samstag, den 11. Mai 2019). 


  11. Die Unterzeichnenden verpflichten sich zu gegenseitiger Solidarität mit Kultureinrichtungen und Akteur*innen der Künste, die durch Hetze und Schmähungen unter Druck gesetzt werden. 



Zum Unterzeichnen der Erklärung oder bei Fragen, bitte melden unter: nrw.erklaerung@dievielen.de

Alle Informationen zur Initiative und die Liste der Unterzeichnenden sind zu finden unter:

www.dievielen.de

NRW Declaration by DIE VIELEN (The Many)