#ResidencyInsights
Lenio Kaklea


by PACT Zollverein

Kategorie
Artists in residence

3 Fragen // Lenio Kaklea

Von Mai bis Dezember 2018 arbeitet Lenio Kaklea im Rahmen einer Residenz bei PACT Zollverein an ihrem Projekt ›Enzyklopädie der Praktiken‹. Mithilfe eines eigens hierfür konzipierten Fragebogens an die Bewohner*innen aus Katernberg erstellt sie eine umfangreiche Sammlung von Praktiken, die Aufschluss geben soll über sowohl individuelle als auch kollektive Rituale und Gewohnheiten der lokalen Anwohner*innen. Das sich allmählich verdichtende Archiv dient Lenio Kaklea als Inspiration und Grundlage für ihre choreographische Arbeit.

 

1. Lenio, wie ist deine Herangehensweise bei der Entwicklung einer neuen Choreographie?

Anstatt mit einem festen choreographischen Konzept zu arbeiten, bemühe ich mich darum, meine künstlerischen Arbeiten während der Proben zu reflektieren und neugewonnene Impulse stets in den aktuellen Arbeitsprozess zu integrieren. Gerade der Tanz ist eine Praxis, die es ermöglicht, mehrere Körper spontan und auf spielerische Weise in Beziehung zueinander treten zu lassen. Zwar sind routinierte Abläufe ein wichtiger Bestandteil des Tanzes, doch ergeben sich auch Abweichungen, aus denen sich permanent neuartige Bewegungsmöglichkeiten artikulieren. Wenn sich im Studio der Körper bei der Ausführung bestimmter Übungen beugt, streckt oder anderweitig bewegt, jedenfalls gewisse Techniken ausführt, so lernt er stets auch neue Bewegungsabläufe dazu. Diese Bewegungen und Gesten sind untrennbar verknüpft mit den Orten, an denen sie entwickelt wurden. Dasselbe Phänomen wiederholt sich in anderen Bereichen, z.B. beim Schreiben eines Textes, dem Zubereiten von Tee oder einem Spaziergang auf der Straße. Für meine aktuelle Arbeit habe ich die Form der Befragung gewählt, um mir über Interviews mit den Bewohner*innen aus Essen-Katernberg ein Bild der Pluralität ihrer Praktiken zu skizzieren.

2. Du hast dieses Projekt bereits in Aubervilliers durchgeführt. Wie ist der Fragenkatalog aufgebaut? Inwiefern spiegeln die Antworten, die ihr gesammelt habt, die Menschen der Stadt wider?

Wir haben die Begegnungen mit den Anwohner*innen aus Aubervilliers so gestaltet, dass wir Ihnen jeweils 20 Fragen stellten. Das gab uns eine Orientierung, einen Rhythmus und eine Struktur für unseren Austausch. Die gesammelten Praktiken decken einen weiten Bereich ab: Gewohnheiten, Rituale, Anwendungen, Techniken, Methoden, Handel, Traditionen, unbewusste Gesten, Besessenheiten. Sie beschreiben etwas schwer zu Erfassendes, das man auch als individuelle Lebensform oder Existenzweise bezeichnen kann - eine bestimmte Art, sich als Subjekt durch das eigene Handeln zu konstruieren. Diese Vorgehensweisen sind manchmal individuell, doch werden sie häufig auch von Gruppen und Institutionen getragen. In einer Stadt bilden sie ein Netzwerk von Beziehungen, ein besonderes Gefüge, das der Umgebung seinen unterschiedlichen Rhythmus je nach Stadtviertel, Tageszeit oder Jahreszeit gibt. Aubervilliers zählt fast 85.000 Einwohner*innen und wir haben rund 300 Praktiken gesammelt, aus denen sich sodann 176 Einzel- oder Kollektivporträts gewinnen ließen. Wir haben die Praktiken der Anwohner*innen gesammelt und chronologisch von Mitternacht bis Mitternacht dargestellt, um den Rhythmus eines Tages in der Stadt widerzuspiegeln. Zwar ist die Stichprobe der befragten Personen bei weitem nicht repräsentativ für die Vielfalt der Bevölkerung, Gemeinden und Institutionen der Stadt - doch fußt mein Ansatz auf der Erfassung eines bewegten Terrains, dessen lange Reise ich hier im Ansatz wiederzugeben versucht habe.

3. Aus den Antworten der Bewohner*innen habt ihr Portraits entwickelt. Was zeichnet diese Portraits aus?

Die Schwierigkeit beim Schreiben der Porträts bestand darin, einerseits die charakteristischsten Ausprägungen und Schnittpunkte aus den gesammelten Praktiken herauszudestillieren und zugleich das einzigartige Verhältnis zu wahren, das die Befragten mit ihren jeweiligen Praktiken pflegen. Die Portraits sind von dem Bemühen gekennzeichnet, vergleichend die Wege zu illustrieren, welche die Individuen dazu gebracht haben, eine gegebene Aktivität auf ihre jeweils eigene Weise auszuführen. Über die kollektiven Portraits sollen wiederkehrende Elemente dieser Ausführungen sichtbar gemacht werden. Die Portraits von Aubervilliers stellen so den Versuch dar, sich mit der Vielfalt unterschiedlich ausgelebter Rituale und Gewohnheiten vertraut zu machen. 

 

// Sie können das Projekt ›Enzyklopädie der Praktiken‹ unterstützten, indem Sie dazu beitragen, das Archiv bisher gesammelter Gewohnheiten und Rituale mit Ihren persönlichen Angaben zu ergänzen. Über den Download-Button lässt sich ein Fragebogen als PDF-Formular herunterladen, der bei Interesse ausgefüllt an Lenio Kaklea (enzyklopaedie.praktiken@gmail.com) zurückgeschickt werden kann //

 

Fragebogen zum Download (DE)                                           Questionnaire for download (EN)  

 

Einblick // Studio 2 - PACT Zollverein

Jede*r hat Praktiken - sie können privat oder öffentlich, geistig oder körperlich, originell oder wenig spektakulär sein.

Mit der ›Enzyklopädie der Praktiken‹ erstellt Lenio Kaklea eine umfangreiche Sammlung von Praktiken der Anwohner*innen aus Essen-Katernberg sowie Menschen, die hier arbeiten oder den Stadtteil besuchen. Die Ergebnisse werden als Buch bei PACT Zollverein herausgebracht und dann als Material für eine choreographische Arbeit genutzt.