Mother of All Fictions
Walter Solon

Kategorie
ATELIER No. 64

Der Kurzfilm ›Mother of All Fictions‹ ist die Geschichte hinter einem gescheiterten Filmprojekt. 2016: Der südamerikanische Filmemacher Walter Solon reist nach Los Angeles. Sein Ziel ist es, ein Drehbuch basierend auf der Biographie seiner Großtante Lina Mosebach und den Mythen, die sich um sie ranken, zu schreiben. Lina war von Deutschland nach Los Angeles emigriert, nachdem sie den Holocaust überlebt hatte. Sie verbrachte ihre Jugendjahre mit Walter Solons Urgroßeltern in Südamerika. Der Familienmythos besagt, das Lina Filmemacherin für die CIA wurde und in der Produktion von Propaganda-Filmen für Lateinamerikaner*innen beteiligt war.

Drehbuch, Kamera, Regie: Walter Solon

Die Arbeit war während des ATELIER No. 64 vom 20. - 22.11.2020 verfügbar. 

Interview mit Walter Solon

In deiner spekulativen Doku-Fiction begibst du dich auf die Suche nach deiner vermeintlichen Tante Lina Mosebach. Alle narrativen Stränge laufen in Hollywood / Los Angeles zusammen: die historische Biographie von Lina, der Wusch vor Ort ein Drehbuch für einen Film zu schreiben und vorbereitende Maßnahmen und Recherchen. Nach und nach entsteht die Storyline des Drehbuchs anhand der biographischen Hintergründe der am Film beteiligten Frauen. Welche Position als männlicher Filmemacher nimmst du in dieser Konstellation von ›The Mother of All Fictions‹ ein?

Auch Maskulinität ist in diesem Fall eine der Fiktionen. Diese Fiktionen sind performativ. Obwohl sie nicht notwendig in der Existenz fundiert sind üben sie ihre Wirkung, meist gewaltsam, in politischer Abhängigkeit aus, aber auch innerhalb von symbolischem Kapital –Zugehörigkeit lenkt die Hierarchien in einem bestimmten Kontext. Die weiteren Fiktionen wären das Judentum, die lateinamerikanische Identität, die spanische Sprache, die europäische Abstammung, allesamt Konstruktionen, die der Protagonist erfüllt aber auch auflösen will. Es gibt in diesen Geschichten auch eine tragische Bewegung vom Sein eines Subjekts zum Werden eines Objekts, so wie vom Entstehen einer Figur auf der Leinwand und eines Sugar Babys zu einer mächtigeren (männlichen) filmischen Einheit, die einerseits die patriarchalische Ordnung bejaht, sie aber auch verquer laufen lässt.

 

Der Film zeigt den Vorbereitungsprozess der Filmarbeiten mit der Suche nach Drehorten, mit Vorsprechen und Screentests aber beispielsweise auch die Reinigungsarbeiten der Filmbüros. Was interessiert dich an diesen vorbereitenden Arbeitsprozessen und welche narrativen Potenziale entwickeln sich daraus für dich?

Diese Arbeitsroutinen zeigen, dass eine in hohem Maße wettbewerbsorientierte und gewalttätige Industrie wie das Filmemachen nicht von dem größeren Wirkungsbereich der Arbeit und des Überlebens isoliert ist. In den verkörperten Träumen eines Latino-Migranten ist das Lebensziel nicht nur, es in Kalifornien zu schaffen, sondern auch die Rückeroberung eines Territoriums, das zuerst von der spanischen Kolonialisierung und dann von den USA eingenommen wurde. Wenn es um den Traum von Hollywood geht, wollte ich den Überlebenskampf in der unglaublich abgegrenzten Gesellschaft von Los Angeles festhalten, in der der lateinamerikanische Kern der Gesellschaft in den Hollywood-Darstellungen abwesend ist. Aber auch der Kampf derjenigen soll dargestellt werden, die verschiedene prekäre Berufe ausüben und insbesondere gefühlsbezogene Arbeit verrichten, um dem Traum Künstler zu werden näher zu kommen und ihr eigenes Leben zu repräsentieren.

 

Im Film wird das spekulative Drehbuch als Theorie der Fiktion beschrieben. Was bedeutet die Theorie der Fiktion in deiner Arbeit und in deinem eigenen Leben?

Auf der Suche nach der „Mother of All Fictions“ (Die Mutter aller Fiktionen) scheint diese Hyperprojektion von jemandem, der von einer undarstellbaren Erfahrung – der, ein Holocaust-Überlebender zu sein – zu einem CIA-Propagandisten wurde, einer Entwicklung vom Opfer zum Meister der Darstellung nachzustreben. Wie lassen sich diese Extreme in das Leben eines Menschen oder vielleicht im Leben des jüdischen Volkes als imaginierte Subjektivität einbinden? Macht das Undarstellbare es notwendig, sich passendere Fiktionen vorzustellen? Die Theorie der Fiktion, die Tante Lina vorschlägt, ist eine Mischung aus machiavellistischer Realpolitik und einer Theorie des Drehbuchschreibens, wie sie in fast jedem Film zu finden ist, ganz egal ob aus Hollywood oder nicht. Dieses Hyperbewusstsein hilft mir, mich in verschiedenen Darstellungsweisen und Kunstformen zurechtzufinden, die eingebettet sind in imperiale Rahmen der Imagination und des Geschichtenerzählens, es bemüht mich gleichzeitig aber auch sie zu unterbrechen und zu irritieren.

Walter Solon (*1992 in Sao Paulo) ist Künstler, Filmemacher, Autor und Musiker. Er studiert seit 2014 an dem Hochschule für Medienkunst in Köln und absolvierte ein Auslandssemester am Art Center College of Design in Pasadena (USA). Seine Arbeiten waren im Art Sonje Center (Südkorea), dem Goethe-Institut Peking (China), den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen und auf der Thessaloniki Biennale of Contemporary Art (Griechenland) zu sehen.

www.waltersolon.com

 

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