Ausstellung
›Bodies in Trouble‹

Aliens in Green, FAM_, Heather Dewey-Hagborg, knowbotiq, Mary Maggic, Špela Petrič, Silke Schönfeld, Jenna Sutela, Luiza Prado de O. Martins

  • Mi 10.07.19 17:30 Uhr – 23 Uhr
  • Do 11.07.19 10 Uhr – 22:30 Uhr
  • Fr 12.07.19 10 Uhr – 23:30 Uhr
  • Sa 13.07.19 11 Uhr – 23:30 Uhr
  • So 14.07.19 11 Uhr – 14 Uhr

Eintritt frei

Die Ausstellung zeigt Installationen und künstlerische Filme, die exemplarisch verschiedene Aspekte des Festivalthemas vertiefen und kommentieren. Die Arbeiten — die sich über das Gebäude von PACT verteilen — öffnen Räume für neue, andere Vorstellungswelten und Erzählungen, die aus dem Spannungsverhältnis von Körper und Technik erwachsen. Die inhaltliche Spannbreite erstreckt sich von der Anonymität von Gendatenbanken (Heather Dewey-Hagborg) und der Dekonstruktion der Versprechen und neokolonialen Ansprüche des Biotech-Sektors (knowbotiq) bis hin zur Demokratisierung der Biotechnologie durch DIY- Verfahren (Mary Maggic). Špela Petrič beschäftigt sich mit der Hybridität des Lebendigen und hieraus folgenden, neuen Verwandschaftsbeziehungen zwischen den Lebensformen. Die Idee einer universellen Verbundenheit des Lebens liegt auch dem Film von Jenna Sutela zugrunde. Aliens in Green zeigen in einer Laborsituation, was geschieht, wenn wir beispielsweise über Nahrungsmittel und pharmazeutische Präparate industriell gefertigte biochemische Stoffe in uns aufnehmen, die unsere Körper von innen heraus verändern und einen noch nicht kalkulierbaren Einfluss auf unsere Umwelt haben. Die Gruppe FAM_ interveniert mit Visuals und Stationen, in denen sich queer- feministische Perspektiven auf das Thema widerspiegeln. Luiza Prado de O. Martins wiederum wirft die Frage auf, wie die verhandelte Biotechnologie kulturell gedacht und konzipiert wird — und welches Wissen, gerade in postkolonialen Situationen
in verschiedenen Regionen der Welt (hier am Beispiel Brasiliens), dabei ausgeblendet wird. Silke Schönfeld entwickelte gemeinsam mit einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen aus der Nachbarschaft, die regelmäßig den Projektraum WerkStadt — einen Satelliten von PACT in Essen-Katernberg — besuchen, einen Film, der uns den Stadtteil als lebendigen Organismus vor Augen führt und erkunden lässt (Premiere am 14.7.)

 

Mit Arbeiten und Projekten von:

Aliens in Green
FAM_Heather Dewey-Hagborg
knowbotiq / Lamin Fofana
Mary Maggic
Špela Petrič
Jenna Sutela
Luiza Prado de O. Martins

Kuratiert von: Fabian Saavedra-Lara


Aliens in Green 
›Xenopolitics‹
Installation
Studio 3

Das Biohacking-Labor, in dem die Künstler*innengruppe Aliens in Green zwei performative Workshops durchführt, ist auch außerhalb der Arbeitssessions im Rahmen der Ausstellung zugänglich. Zusätzlich zu den Arbeitsmaterialien und Werkzeugen aus dem laufenden Prozess sind kontextualisierende Grafiken und Diagramme zu sehen, die einen Einblick in die langjährige Beschäftigung der Künstler*innen mit den ökologischen, politischen und wirtschaftlichen Dimensionen der Veränderung von Körpern durch industriell gefertigte biochemische Substanzen geben – insbesondere auf das Hormonsystem – und darüber spekulieren, welche Gegenerzählungen zu diesem Komplex denkbar wären.


FAM_
›Visuals, Scores, Exitpoints‹
Permanente Interventionen

FAM_ ist ein Label, das für ›Blue Skies‹ verschiedene Entertainment-Module entwickelt. Die Gruppe installiert Scores, Visuals und Exitpoints, die im Gebäude von PACT verteilt sind. Scores sind als Spiele und Vorschläge zu Perspektivwechseln zu verstehen, die zwischenmenschliche, räumliche und ästhetische Parameter der aktuellen Festivalsituation beobachtbar und veränderbar machen. Dabei laden sie gleichzeitig dazu ein, selbst Verschiebungen der eingespielten Abläufe vorzunehmen. An zwei abgeschiedenen Orten im Haus sind Exitpoints zu finden. Hier liegen Tools bereit, die einen kurzen Ausstieg, einen Drift aus dem Festival-Alltag, ermöglichen.

Künstlerische Kollaborationen mit:
Anastasiia Antonenko (sorry about the saliva (Video, Exitpoint) Sophia Gröning: GRIP (Video, Kachelfoyer) Lea Hopp: Video/Visuals (Flur), VJing Julius Continental: Teppiche (Exitpoints, Foyer) Sandy: Playlist (Exitpoint)

 

Heather Dewey-Hagborg
›T3511‹ (2018) 
Video, 9:04 Min.
Studio 1

›T3511‹ erzählt eine Liebesgeschichte
aus der post-genomischen Zukunft: Eine Bio-Hackerin kauft online den Speichel eines anonymen Spenders. Gleich einem experimentellen Dokumentarfilm folgt der Film der Protagonistin, in der eine immer stärkere werdende Obsession für den anonymen Spender aufkeimt. Die Videoinstallation zeigt eine neue Welt, in der die Aufspaltung von Genomsequenzen längst allgegenwärtig und der Körper des Menschen als biologisches Material eine kapitalistische Ware ist. Dewey-Hagborgs Erzählung basiert auf Science-Facts, nicht Fiction. ›T3511‹ illustriert beispielhaft den wachsenden Markt, in dem der menschliche Körper in kommerzielle Einheiten fragmentiert ist: Körperflüssigkeit, Zellen, DNA und biologische Daten bilden heute die Währung, die junge Unternehmen des Biotech- Sektors antreibt.



knowbotiq / Lamin Fofana
›Genesis Machines – La Pompa Agricultura Transsubstantia‹ (2018)
Installation / Video / Performance
Studio 2

Ist die natürliche Fortpflanzung des Menschen ein veraltetes Verfahren? »Sex ist geradezu spektakulär ineffizient«, zitiert das Künstler*innenduo knowbotiq Forscher*innen aus der Molekularbiologie. Hingegen: »Die DNA ist extrem programmierbar.« Was bedeutet die zunehmende Weiterentwicklung der Gentechnik für unser Verständnis von Körper, Leben und Fortpflanzung? Die performative Installation Genesis Machines, la pompa agricultura transsubstantia beschwört entscheidende Momente des Umbruchs in der Entwicklung einer landwirtschaftlich-industriellen Technosphäre: Geradezu kreationistisch motiviert entwerfen die großen Biotech-Labore der Welt verschiedene Szenarien der Reproduktion, in denen der Körper längst obsolet ist. Synthetische Biologie, nanotechnologische Skalierungen und die Ausbeutung organischen Materials bestimmen in der Interpretation von knowbotiq die Manipulation und Produktion von Leben – ob in vivo, in vitro oder in silico.

Künstler*innen knowbotiq (Yvonne Wilhelm, Christian Huebler) In Zusammenarbeit mit Nicolas Buzzi, Lamin Fofana, Fred Hystère, Ira Wilhelm Entwickelt mit Unterstützung durch HKW - Haus der Kulturen der Welt Berlin, HEK - Haus der Elektronischen Künste Basel Eine Leihgabe der Kunstsammlung der Stadt Zürich

MI 10.07., 22 – 22.30 Uhr
Lamin Fofana
Live-Set in der Installation

Der Musiker, Produzent und DJ Lamin Fofana komponiert eigens für die Installation ›Genesis Machines‹ der Künstler*innengruppe knowbotiq neue Tracks, die im Raum zu hören sind. Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung spielt Fofana ein Live-Set, das anschließend als Audiospur eine weitere Ebene der Installation bildet. Konzeptuell reflektiert Fofana in seinen elektronischen Sounds Texte der jamaikanischen Schriftstellerin und Kulturtheoretikerin Sylvia Wynter, insbesondere ›On Being Human as Praxis‹.

 

Mary Maggic 
›Housewives Making Drugs‹ (2017)
Video, 10:12 Min.

Biohacking in der eigenen Küche — ist es vorstellbar, dass Menschen in naher Zukunft in den eigenen vier Wänden hormonelle Wirkstoffe herstellen? ›Housewives Making Drugs‹ ist eine fiktive Kochshow, bei der die trans-femme-Stars Maria und Maria dem Fernsehpublikum Schritt für Schritt zeigen, wie
sich in Eigenregie Hormone zubereiten lassen. Während sie über Körperpolitik, Gender und die Probleme der hetero-normativen Gesellschaft ins Plaudern kommen, demonstrieren die Biohacking- Köch*innen eine simple Rezeptur — die ›Urin-Hormon-Extraktion‹. Die Küche wird zum perfekten Schlachtfeld für eine Abrechnung und Auseinandersetzung: Wie steht es um die Politiken von Körper und Gender? Warum ist der Zugriff auf hormonelle Wirkstoffe an Institutionen gebunden? Maria und Maria untergraben humorvoll patriarchale Machtstrukturen und spekulieren über eine Welt, in der Menschen den eigenen Körper frei gestalten können.



Špela Petrič
›Ectogenesis: Plant-Human Monsters‹ (2016, ongoing)
Installation
Dusche

›Ectogenesis: Plant-Human Monsters‹ lädt ein, die bestehenden Artenkategorien unter dem Eindruck neuer Technologien zu überdenken: Was wäre, wenn sich Unterschiede zwischen den Arten durch Biotechnologie überbrücken ließen? Derartige artenübergreifende Verwandtschaften, wie sie die Philosophin Donna Haraway entwirft, lässt Špela Petrič in ihrer Arbeit ›Ectogenesis: Plant-Human Monsters‹ Realität werden. Durch Verfahren der durch in vitro-Befruchtung und Hormonmanipulation erschafft die Künstlerin und ausgebildete Biochemikerin Kreaturen, aus pflanzlichen und menschlichem Biomaterial. Mittels biotechnologischer Verfahren extrahiert und nutzt sie hierfür ihre eigenen Sexualhormone. Es gelingt ihr schließlich pflanzliche Stoffe zu schaffen, in denen der menschliche, molekulare Fußabdruck nachweisbar bleibt.


Jenna Sutela
›Holobiont‹ (2018)
Video, 10:27 Min.
Nasslager

Jenna Sutela erzählt in ihrer Videoarbeit ›Holobiont‹ von der Idee der universellen Verbundenheit aller Lebensformen in einer alles verknüpfenden Ökologie und Evolution — auf planetarischer wie kosmischer Ebene. Ihre Odyssee beginnt im Darm und zoomt bis in den Weltraum. Hierfür dokumentiert sie die Erforschung von extrem anpassungsfähigen Bakterien durch Wissenschaftler*innen der Europäischen Weltraumorganisation, die unter lebensfeindlichen Bedingungen überleben und sogar möglicherweise neues Leben auf andere Planeten bringen könnten. Die Versuchsreihe zum Nattō-Bakterium ›Bacillus subtilis‹ zeigt dabei erste Erkenntnisse über zukünftige Mutationen und Weiterentwicklungen des Lebens.



Luiza Prado de O. Martins
›As Flames Engulfed the River‹ (2018)
Video, 16:45 Min.
Nasslager

Der filmische Essay beschäftigt sich mit dem Vorkommen der Ayoowiri-Pflanze in der Nähe der Marechal Zenóbio da Costa-Militärpolizeistation im Distrikt Tijuca, Rio de Janeiro. Die Pflanze besitzt Eigenschaften, die sie als Abtreibungsmittel einsetzbar machen. Zur Zeit der Militärdiktatur in Brasilien wurde der Gebäudekomplex als lokales Hauptquartier von DOI-CODI genutzt — damals der Geheimdienst- und Repressionsapparat des Regimes. Innerhalb der Mauern des Gebäudes sind unzählige Dissident*innen gefoltert und ermordet worden. Der Film setzt sich mit diesem grausamen — und nicht weit zurückliegenden — Aspekt der brasilianischen Geschichte auseinander und verknüpft ihn mit der Geschichte des Kolonialismus und sexueller Gewalt, mit Fragen von Ökologie und ausgeblendetem Wissen.

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