Mark Sieczkarek
RED HOT

  • Koproduktion des Folkwang Tanzstudios mit dem Choreographischen Zentrum NRW
  • Performance
  • So 20.07.97 00:59 Uhr – 23:59 Uhr

Rezension in der FAZ vom 21. Juli 1997


Lack und Leder

Leichten Fußes, leichten Herzens: Pin-up-Pas-de-deux in Essen

›Red Hot‹ heißt eine amerikanische Organisation, die sich der Aufklärungsarbeit über Aids verschrieben hat. "Red Hot" heißt auch das neue, im Choreographischen Zentrum NRW in Essen uraufgeführte Tanzstück des Schotten Mark Sieczkarek, der seit gut einem Jahrzehnt in Nordrhein- Westfalen arbeitet und im letzten Jahr den Förderpreis des Landes für Choreographie erhalten hat.

Das ist kein Zufall. ›Red Hot‹, das Tanzstück, propagiert die Ideen von ›Red Hot‹, der Aids-Hilfe-Organisation, und benutzt Musik von den Schallplatten mit Neuinterpretationen klassischer Schlagermusik – ›Red Hot + Blue‹, ›Red Hot + Rio‹, ›Red Hot + Cool‹ –, mit denen die Organisation Geld für ihre Arbeit verdient. Vor einem großen roten Tafelbild, auf dem undefinierbare Paare kopulieren und ein Kondom auf einen erigierten Penis gezogen wird, läßt Sieczkarek das Ensemble des Folkwang-Tanzstudios aus Essen, je fünf Frauen und Männer, in einer einstündigen, kessen erotischen Revue das Publikum anmachen. Mit zappelnden und schlingernden Show- und Diskotänzen geht es leichten Fußes und leichten Herzens durch die Welt der Sexualität. Frauen und Männer sind gleichberechtigt; die Partnerwahl ist freigestellt. Das Ensemble spielt erotische Stellungen durch. In einer Reihe am Boden spreizt es, orgiastisch zuckend, simultan und kollektiv die Beine. Die Frauen zeigen zunehmend mehr nackte Haut; ein Knabe konkurriert mit ihnen als laszives Pin-up. Lack, Leder und Peitsche: auch für ausgefallenere Bedürfnisse ist gesorgt. Hände betatschen Busen und Schamhügel. Der abschließende Pas de deux, zu dem Frau und Mann ›auf Spitze‹ antreten, wird nicht nur dadurch zum Vorspiel, daß am Ende ein homosexuelles Pärchen den noch Zögernden je ein Kondom überreicht. Es ist der letzte Gag einer Tanzshow, die man ohne jede Ironie als Werbeveranstaltung der Kondomindustrie bezeichnen könnte. Zu Luftballons aufgeblasene
 Kondome sind auf Sieczkareks Bühnen allgegenwärtig; in der schönsten Szene verwandeln zwei Dutzend von ihnen die attraktive Tänzerin Tereza Matos in eine bewegte Plastik, in der sich das Licht (Design: Roger Irman) irisierend bricht. Das gleich von zwei Düsseldorfer Ministerien unterstützte Projekt entspricht nicht nur politischer Korrektheit. Es sieht, mindestens in einigen Passagen, auch frappierend nach Tanzkunst aus.


JOCHEN SCHMIDT

Choreographie: Mark Sieczkarek
Tänzer: Ester Ambrosino, Isabelle Boutrois, Gabrio Gabrielli, Ivaldo de Castro, Eduardo Laranjeira, Carlos Sampaio, Gilda Rebello, Enrico Tedde, Ina Wichterich, Tereza Matos

Musik: Mad Professor, Massive Attack
Musik von den CD-Samples: Red Hot + Blue, Red Hot + Rio/Red Hot + cool

Lichtdesign: Roger Irman

Kostüme: Nina Hempel

Ton: Thomas Wacker

Assistenz und Alexander Technik: André Jolles

Eine Produktion des Folkwang Tanzstudios, Institut für Zeitgenössischen Tanz, gemeinsam mit dem Choreographischen Zentrum NRW, e.V., Zeche Zollverein Essen
Diese Aufführungen wurden mit der Unterstützung des Ministeriums für Stadtentwicklung, Kultur und Sport, der Allbau Stiftung, Essenn und der Sparkassen-Stiftung zur Förderung rheinischen Kulturgutes ermöglicht.
Mit besonderem Dank an Thomas Rother vom Kunstschacht Zollverein

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