#ResidencyInsights
HARTMANNMUELLER


by Fabio Neis

Kategorie
Artists in residence

3 Fragen // HARTMANNMUELLER

1 Wie gestaltet ihr eure Residenz bei PACT? Habt ihr gewisse Routinen, auf die ihr während der Arbeit an einem neuen Stück zurückgreift? 

Eine Residenz bei PACT Zollverein ist bei uns in der Regel der kick off in eine neue Produktion. Zunächst räumen wir den Raum einmal auf. Alles, was uns ablenken könnte. wird weggeräumt. Wir stellen alles um, ändern die Perspektive, bis HARTMANNMUELLER das ok gibt und das Setting steht. HARTMANNMUELLER ist unser Choreograph, unser inside eye, den wir durch Zufall auf der Suche nach einer Methode der Zusammenarbeit selbst kreiert haben. Unser Filter und Arbeitgeber. Nur was er durchgehen lässt, wird am Ende auch bearbeitet. Wir haben es uns zur Routine gemacht, an seinen Antennen zu arbeiten. In jeder Probe erweitern wir sein Gespür für Zeit und Raum, für Kostüm, für Musik und für Bewegung. Innerhalb dieser Routine arbeiten wir aktiv an Freiräumen. Freiräume im Denken, im Handeln, im Tun, in der Kommunikation – in dem, was auf der Bühne passieren soll. Wir erlauben uns alles. Alles wird probiert und erforscht, egal wie blöd es sich anfangs anfühlt. Und dann geben wir uns Zeit zu verstehen, was sich da im Raum gerade abspielt und was in unseren Köpfen herumschwirrt. Wir liegen auf dem Boden, sitzen auf Stühlen, langweilen uns – bis sich irgendwann etwas selbstständig macht. Ein Material, ein Gedanke, eine Bewegung, irgendein Impuls. Und dem gehen wir nach. Im besten Fall verselbstständigt sich der Prozess und HARTMANNMUELLER gibt sein ok. 

2 Ihr beschäftigt euch mit dem Verhältnis von Körper und Kapitalismus. Lässt sich für euch eine Wechselwirkung diesbezüglich ausfindig machen? 

Nun ja, im Kapitalismus ist alles auf Effizienz und Gewinn ausgerichtet. Täglich streben wir nach vollständiger, körperlicher Kontrolle, unser Körper soll sich unseren Vorstellungen und Zielen permanent unterordnen. Selbstdisziplin ist in der Leistungsgesellschaft extrem wichtig, für Angebote zur körperlichen Selbstoptimierung (Fitnessstudios, Ernährungsberatung, Anti-Aging Behandlungen, Schönheitsoperationen) gibt es einen riesigen Markt. Aber es geht dabei nicht um körperliche Bedürfnisse, sondern darum, den Körper den Bedürfnissen des Kapitalismus anzupassen. Heutzutage soll der Körper ständig kontrolliert werden, und darum ist er auch einem Konsumenten gleich geschaltet. Er braucht das und das, kauf ich ihm, fertig. In Zeiten der Digitalisierung ist auch das menschliche Fleisch keine allzu starke Ressource mehr. Man könnte schon sagen, dass der Kapitalismus den Körper entmachtet und fetischisiert hat. Eine Wechselwirkung ist vielleicht dort auszumachen, wo der Markt auf veränderte Bedürfnisse der Körper sofort reagiert. Er passt sich an.

Am Ende steht dann die transhumanistische Vision, in der die Grenzen des menschlichen Körpers (aber natürlich auch des Geistes) durch den Einsatz technologischer Verfahren erweitert werden. Als Choreographen versuchen wir auch, körperliche Grenzen auszuloten und sind auf der Suche nach einem erweiterten "Körperbegriff". Aber wir möchten den Körpern ihre Macht zurückgeben. Es geht um Selbstermächtigung und Autonomie.

3 Könnt Ihr spontan einen Witz erzählen?

Treffen sich zwei Planeten im Weltall.
Sagt der eine zum anderen: Siehst schlecht aus.
Sagt der andere: Ja, ich habe Homo sapiens.
Sagt der Erste: Das hatte ich auch mal. Aber keine Angst, das geht vorbei.

Einblick // Studio 2, PACT Zollverein


 "my saturday went pretty well until I realized it was monday"

Anhand ihrer Experimente mit dem eigenen, menschlichen Fleisch, betrachten HARTMANNMUELLER in ihrer Performance „my saturday went pretty well until I realized it was monday“, an der sie während ihrer Residenz bei PACT arbeiten, Shakespeare’s Figur Hamlet aus einer besonderen Perspektive. Er, der in Zwängen und dem eigenen Körper gefangen scheint und dem HARTMANNMUELLER helfen, ebendiese zu dekonstruieren. Sie eignen sich Hamlets Probleme an und übertragen sie auf die Körper der heutigen Zeit – denn auch 2018 scheint die Welt aus den Fugen und ein wahnhaftes Verwirrspiel um physische Grenzen beginnt.

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