LONDON 1886
Streifzüge durch die Stadt Essen


by Pascal Bovée

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Writer in residence

Immer noch bin ich auf der Suche nach Essens Mitte. Nachdem ein Tauchgang im Schwimmbad in Rüttenscheid genauso wenig zum Ziel geführt hat wie eine Google-Suche, habe ich mich mit Exustenia verabredet. Sie ist als professionelle Wahrsagerin im selben Stadtteil aktiv. Wer weiß mehr über eine Mitte als ein Medium?

Vor der U-Bahnhaltestelle am Stern warte ich auf sie. Da man nie weiß, wann sie auftaucht, lese ich weiter im Circle. Es ist gerade Feierabend, auch wenn man schon den Mond sieht und vor dem Sparkassenautomaten bildet sich eine Schlange. Sie knickt kurz vor der Ampel ab und reicht bis zur Gedenktafel für Tadashi Nakamura, den Geschäftsmann, dem der Stadtteil seine kurze Kirschblüte zu verdanken hat. Der Mondschein reflektiert so hell von der Metallplatte, das man das Gesicht des Japaners nicht mehr erkennen kann.

»Schöner Mond ist das, nicht?«
Auf der anderen Seite der Bank hat Exustenia Platz genommen. Ihr Flickenkostüm wallt bis auf den Boden. In die Mitte zwischen uns stellt sie ihre riesige Lackhandtasche mit dem goldgeränderten Rand, die nicht mehr zugeht, weil sie so vollgestopft ist. Sie zieht erst einmal eine, ebenfalls bis zum Platzen gefüllte, Plastiktüte heraus.
»Du hast sicher Hunger.«
Exustenia reicht mir aus der Tüte ein sehr großes, leider auch sehr trockenes Stück Schokoladenkuchen.
»Selbst gebacken.«
Da muss ich jetzt wohl durch, wenn ich die Wahrheit über Essens Mitte erfahren möchte. Die Hellseherin mustert mich skeptisch. Ich denke, ich bin ihr zu dünn, denn sie zieht zusätzlich noch ein – angenehm duftendes – Croissant aus der Tüte. Zu guter Letzt folgt ein hartes, altes Brötchen, das sie oben auf Kuchen und Croissant stapelt, so dass auf meiner Handfläche ein Gebäckturm entsteht, den ich nur mühsam in Balance halten kann. Ich starre auf die wackelnde Konstruktion und schon gerät meine Fantasie mit in Bewegung. Mitte, denke ich und komme mir sehr geistreich vor, vielleicht ist das das schwer Erreichbare, das zwischen dem kargen Äußeren liegt.

»Wieso liest du Science Fiction?«, will Exustenia wissen. Zu den vielen Falten in ihrem ledernen Gesicht kommen einige besonders tiefe hinzu. Es ist deutlich, dass ihr das missfällt.
»Ich interessiere mich für die Zukunft. Außerdem stand es im Bücherschrank.«
»Du möchtest also deine Zukunft erfahren. Dann fragst du besser gleich jemanden, der etwas davon versteht. Diese Amerikaner wissen rein gar nichts von den Sternen, aber schreiben und schreiben darüber.«
»In dem hier geht es gar nicht um Sterne.«
»Um so schlimmer. In jedem Buch sollte es um die Sterne gehen.«
Ich traue mich nicht zu widersprechen. Über Literatur kann man mit Exustenia nicht streiten. Bei unserer ersten Begegnung hat sie mich gefragt, ob ich Jekyll und Hyde kenne. – Klar, der mit den zwei Gesichtern. Sie hat genickt, mit geschlossenen Augen und fügte langsam hinzu: »Das ist von mir.«

»Leg deine Science Fiction weg und schlag dein Notizbuch auf«, befiehlt das Medium.
»Auf der ersten noch unbeschriebenen Seite.«
Ich zögere. Möchte sie mir meine Zukunft heute aus meinem eigenen Notizbuch vorlesen? Schon beim letzten Mal war es unheimlich und da hat sie nur aus der Hand gelesen. Exustenia blickt mich mit ihren in einer Art Bronze funkelnden Augen bestimmend an. Es gibt keine Widerrede.
»Du suchst also nach der Mitte.«
Woher weiß sie das? Ich glaube wirklich nicht an Okkultismus, aber …
»Woher weißt du das?«, frage ich.
»Das ist keine Hexerei. Jeder Mensch sucht seine Mitte. Deshalb kommen sie zu mir. Oder machen Sport. Reisen. Lesen Ratgeber.«
»Eigentlich suche ich gar nicht meine Mitte.«
»Unterbrich mich bitte nicht. – Jeder unterbricht jeden. Das ist die moderne Zeit. Die moderne Zeit ist nichts.«
Das weiß ich schon von ihr. Wenn sie nicht über die Zukunft redet, dann über die Vergangenheit. Deshalb spielen alle ihre Romane im viktorianischen London.
»Die Mitte – wirst du hier nie finden.«
Das ist deutlich. Ich schaue auf den Mond, während das Rüttenscheider Medium weiter redet und weiter, irgendwas über Glück, Liebesglück und über Gesundheit bis ins hohe Alter – »weil du so viel nachdenkst, das macht dich unglücklich, aber es hält dich auch jung.« Das bekomme ich noch am Rande mit, doch meine Gedanken ziehen schon fernere Kreise, fliegen immer weiter, am Mond bleiben sie eine Weile hängen. Mond, du bist auch so ein Trabant, denke ich. So schön, solange du fern bist. Aber eigentlich staubig und grau wie die Vorstadt und stehst leer. Exustenia erzählt von den Planeten auf ihren Umlaufbahnen, während der Straßenzeitungsverkäufer mit seinem Hund vorbeizieht, dann die alte Dame, die Flaschen sammelt, Merkur, Venus, in der langen Rüttenscheider Straße hört man von fern ein Geschrei. Das ist Mars mit seinem Koffer, der die FAZ gelesen hat und die ZEIT und die WELT und jetzt voller Wut ist und sie herausschreit gegen die stummen Häuserzeilen, denn die Mitteflanierer wechseln die Straßenseite. Die Planeten, die Ränder fordern das Zentrum heraus, die Mitte, den Ort des Nicht-Extremen, Nicht-Peripheren. Die Schlange am Sparkassenautomaten macht eine Drehung, vorbei am roten Licht und die Einkaufenden laufen mit Tüten, zum Platzen gefüllt, durch den Ring des Saturn, wo sie ausweichen müssen vor all dem Elektroschrott.

»Das macht zwanzig Euro.« Exustenia hält mir die offene Hand hin.
»Oh. Ich habe nur noch einen Fünfer.«
»Ich brauche zwanzig. Gleich kommt mein Enkel Nostradamus, dem will ich ein Eis kaufen.«
Teures Eis, denke ich und habe wirklich nur den Fünfer, den gebe ich ihr. Sie sieht mir prüfend in die Augen.
»Gut. Du lügst nicht.«
Dann klingelt ihr Smartphone. Es ist Nostradamus. Das Medium steht auf und geht.