JURASSIC PARC


by Pascal Bovée

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Writer in residence

Herr Endenich fährt zu schnell. Nervös wie jemand, der entkommen möchte. Vor dem verkorksten Weihnachtsfest, vor den ungeöffneten Umzugskisten, die seine Wohnung verstopfen. Aus dem Kofferraum seines Autos schaut sein Weihnachtsbaum, Anfang Januar noch eingeschnürt in ein grünes Netz und verliert Nadeln.

»Ich weiß Ihre Hilfe wirklich sehr zu schätzen«, sagt Herr Endenich und wischt sich den Schweiß zwischen seinen dünnen weißen Haaren ab. »Die Korrespondenz mit meiner Tochter nimmt mich zur Zeit so sehr in Beschlag, da komme ich zu diesen banalen Dingen einfach nicht.« Mit banalen Dingen meint er seinen Umzug. In einem großen Haus mit Garten und Seeblick hat Herr Endenich gelebt, als das Familienunternehmen noch florierte. Vorletzten Sommer ist er in eine Zwei-Zimmer-Wohnung gezogen, über einer Metzgerei, die seinem Vermieter gehört. Ausgepackt hat er noch nicht. Wohin mit all den Dingen aus dem Haus am See?

»Die Krux ist, wenn ich die Kisten öffne, dann muss ich natürlich an meine verstorbene Frau denken. Das sind ja alles auch ihre Sachen gewesen. Die kann ich ja nicht einfach so wegwerfen.« Er blickt mich über seinen Brillenrand hinweg fragend an. Die roten Kordeln, an denen er seine Brille befestigt hat, baumeln vor seinen eingefallenen Wangen hin und her, weil er gerade eine Kurve nimmt. »Und wenn ich die Kisten nicht öffne, dann stehen sie da im Mietshaus herum und das versteht dieser Metzgermeister nicht.«

Das tut er wirklich nicht. Letzte Mahnung ist der Brief überschrieben, den ich in der Hand halte. Die Frist läuft morgen ab. Bis dann müssen alle Umzugskartons verschwunden sein, aus dem Treppenhaus neben der Metzgerei, aus dem Waschkeller, vom Dachboden. Im Falle der Nichteinhaltung mache ich von meinem Sonderkündigungsrecht Gebrauch.

Herr Endenich beugt sich unvermittelt, die linke Hand am Steuer, zur rechten Seitenablage über mich hinweg. »Entschuldigen Sie, aber irgendwo hier muss der Brief von dieser Kanzlei aus London liegen, die meine Tochter eingeschaltet hat.« Der Wagen gerät ins Schlingern. Womöglich hat Herr Endenich auch das mit den Winterreifen noch nicht erledigt, denke ich und deute an, dass die Suche nach dem Schreiben lieber ich übernehme. Aus der Seitenablage fische ich ein dickes Bündel Umschläge, die meisten sind offiziell beschriftet. Als ich sie durchsehe, fällt eine Postkarte heraus. Sie trägt einen Air-Mail-Aufkleber, ist an Sandra Endenich adressiert und zeigt ein historisches Motiv.

»Gruß aus der Kanonenstadt

»Die wollte ich meiner Tochter nach England schicken. Habe ich mich dann aber dann doch nicht getraut. Weiß ja nicht, wie ihr Mann das findet. Oder die englische Post.«

In Wirklichkeit schreibt er seit Monaten an einem Versöhnungsbrief. Bei dem Streit mit seiner Tochter geht es ums Erbe. Der Familienbetrieb ist inzwischen insolvent. »Dieser ganze Papierkram«, sagt Herr Endenich, »der hat mich einfach überfordert.« Das kann man morgens im Café bei Bäcker Peter sehen, wenn Herr Endenich mal wieder an dem Versöhnungsbrief feilt. Mit einem bunten Kugelschreiber, den er aus seiner Brusttasche zieht, streicht er darin herum, schüttelt den Kopf, beginnt eine neue Seite und vertagt sie schließlich auf morgen.

Wir fahren an der Villa Hügel vorbei. »Hier hat sie früher gewohnt, die dicke Bertha«, sagt Herr Endenich. Er deutet auf die Postkarte mit der Kanonenstadt. »Ist aber nur ein Gerücht, dass der Krupp das Geschütz nach seiner Tochter benannt hat.«

Ich betrachte die Industriellenvilla, dann den historischen Kanonengruß. War man darauf in Essen mal stolz? Eine Waffenstadt zu sein? Oder ist das nur eine Propagandapostkarte? Zumindest ist hier noch immer alles Mögliche nach der Kanonenfamilie benannt. Krankenhaus, Wald, Friedhof, Kulturstiftung. Wie Kartons, die man nie ausgepackt hat.

»Haben Sie sich mal gefragt, welches Verhältnis die Stadt zu dieser Geschichte hat? Ich meine, weil alles noch Krupp heißt.«

Herr Endenich zieht gleichzeitig die Stirn kraus, nickt und beginnt zu lachen. Die Krupps hätten an allen Ecken und Enden gespendet und gestiftet, erklärt er. »Schulen, Arbeiterwohnungen, Parks. Dann wird dein Name natürlich in Ehren gehalten, ob mit oder ohne Kanonen.«  

Ich überlege, ihn zu fragen, was er über die Zwangsarbeiterlager der Kruppwerke weiß. Da bremst Herr Endenich kurzentschlossen, um nach links abzubiegen. Er fährt auf den Parkplatz am Regattaturm. Möchte er jetzt am See spazieren gehen? Die Sache mit den Umzugskartons hinauszögern? Herr Endenich weist mich an, ihm die Stufen hinauf zum S-Bahnhof zu folgen. Vorbei an dem griechischen Restaurant gehen wir zum hinteren Bahnsteig Richtung Köln, der von einem Zaun mit schmiedeeisernem Tor begrenzt wird. Dahinter liegt der Park, der früher den Krupps gehört hat. Mitten drin, auf einem Hügel am Waldrand, steht ihre Familienvilla. Die Haltestelle der S6 war damals eine Art Privatbahnhof der Industriellendynastie. Durch das verschlossene Tor zum Park gingen neben den Krupps selbst nur ausgewählte Personen. Staatsgäste und hochrangige Kunden waren zu Gast. Haile Selassie. Wilhelm II. Benito Mussolini. An dem Zaun zum Park hängt ein Filmplakat, auf dem eine von Urwald bedeckte Insel abgebildet ist.

»Jurassic Parc«, sagt Herr Endenich. »Da leben die Stahldinosaurier.«

Wir stellen uns vor, wie es wäre, wenn hier im Hügelpark wirklich Saurier lebten. Mit ihren langen Hälsen fräßen sie die Kronen der alten Bäume ab, stampften über den gepflegten Rasen, hinterließen darin mächtige Spuren. In der Villa Hügel wären riesige Eier von noch nicht geschlüpften Dinos ausgestellt, angestrahlt von rotem Wärmelicht. Kleine Jungs mit leuchtenden Augen würden ihre Eltern überreden, den stattlichen Eintritt für den Park zu bezahlen. Aus der S6, die direkt vom Düsseldorfer Flughafen kommt, stiegen Besucher aus aller Welt, gingen ehrfürchtig und etwas ängstlich durch das schmiedeeiserne Tor. Denn wahrscheinlich gäbe es auch Fleischfresser im Park der Krupps.

»Deshalb ist hier alles so gut abgesperrt«, sage ich und bemerke, dass Herr Endenich mir nicht mehr zuhört, sondern mit Stirnfalten in den Himmel schaut. Über dem See brauen sich dunkle Wolken zusammen, verschlingen sich zu einem gewaltigen, schwarzen Knäuel. Es blitzt, donnert. Nur ein Sturm, denke ich, aber es ist ein echtes Endzeitbild. Durch meinen Kopf gehen Bilder, die ich nicht richtig einordnen kann. Saurierspuren füllen sich mit Regenwasser. Eine prähistorische Wandmalerei verschwindet hinter einem gelben Bus. Irgendwo habe ich diese Bilder gesehen. In Essen? Dann ist da plötzlich, wie gespiegelt im Baldeneysee, eine gewaltige Kanone. Sie wird auf einen Saurier mit meterhohen Schneidezähnen gerichtet.

Nein, Unsinn, das ist nicht in Essen gewesen, das war in diesem japanischen Film, den ich im Halbschlaf gesehen habe. Wie hieß der nochmal? Herr Endenich blickt noch immer besorgt nach oben. Das Donnern klingt nicht wie Donnern. Es grollt, wummert, aber viel zu regelmäßig. Wie Stampfen… von einem Stahlwerk oder… von einem riesigen Tier. Das Wasser im See unter uns beginnt von der Erschütterung kleine Wellen aufzuwerfen.

»Godzilla gegen Mothra.«

»Bitte?«

»So hieß der Film, in dem ich das gesehen habe. Mothra ist diese Riesenmotte und schläft irgendwo in einer Grotte. Sie wird von Wissenschaftlern aufgeweckt, um gegen Godzilla zu kämpfen. Weil Godzilla gerade Essen zertrampelt und –

»Tokio meinen Sie.« Herr Endenich lacht.

»…und herkömmliche Waffen ihm nichts anhaben können.«

»Aber, aber – etwa auch die dicke Bertha nicht?«

»Überhaupt keine Waffe.«

»Finde ich eine amüsante Vorstellung, diesen Godzilla in Essen. Wie er über die A 40 rennt. Die Philharmonie zertrampelt, aus der Musiker und Publikum schreiend herauslaufen. Und die Metzgerei von meinem Vermieter leerfrisst. Inklusive Metzgermeister.«

»Alles frisst er leer. Einfach alles macht er kaputt. Um ihn aufzuhalten hilft nichts – außer diese Riesenmotte aufzuwecken, die in einem verlassenen Stollen in Stoppenberg schläft. Nur ein paar Kinder haben sie dort gesehen und niemand glaubt ihnen. Zum Glück sind sie mutig genug, die Motte aufzuwecken, bevor Godzilla die ganze Stadt zermalmt hat.«

Sofort macht sich Mothra auf den Flug ins Zentrum, wo Godzilla gerade im Begriff ist, den Limbecker Platz zu verwüsten. Teenager kreischen und lassen die Shopping-Taschen fallen. Von der Seite anfliegend bemerkt Godzilla das Rieseninsekt zu spät und Mothra rammt ihn mit voller Kraft in die Rippen. Der Riese taumelt, von dieser ersten, aber wirkungsvollen Attacke getroffen, über den Kreisverkehr. Autoreifen quietschen, Asphalt bricht auf wie eine Eierschale. Die Motte setzt nach, bevor er das Gleichgewicht zurückgewinnen kann. Krachend stürzt Godzilla mitten auf das neue Verlagsgebäude der WAZ. Die Innenstadt bebt von der Erschütterung. Über seinen Tod wird es keine Schlagzeilen geben.

»Hätte es diese selbstlosen Stoppenberger Kinder nicht gegeben, das Monster aus Japan hätte ganz Essen vernichtet!«

»Aber wer soll die Stadt jetzt von diesem anderen Monster, diesem Rieseninsekt befreien? Haben Sie das bedacht, Herr Bovée?«

Schon fliegt die Riesenmotte, rasend vor Wut, Richtung Innogy-Turm, wo sie vom künstlichen Lichtschein angelockt wird. Tausende Menschen am nahen Hauptbahnhof geraten in Panik. Einige stürzen sich aus den noch fahrenden Zügen. Herr Endenich und ich blicken uns an. Uns bleibt nur noch eins. Wir rütteln mit aller Kraft am verschlossenen Tor des Hügelparks. Wir müssen sie freilassen.