HOMONYM
Streifzüge durch die Stadt Essen


by Pascal Bovée

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Residencies

Mittellose, denke ich manchmal, werden die letzten sein, die noch mehr als 280 Zeichen lesen. Bücherschränke, das Internet der Straße, bestimmen ihre Lektüre wie für andere Timelines und Tweets. Ein beliebter Bücherschrank steht am Rüttenscheider Stern. Neben einem Taxistand, unter Bäumen, auf denen Tauben nisten, betrachte ich die aktuellen Titel. Wesire und Konsuln. Der leuchtend blaue Faden. Die Entdeckung der Currywurst. Bei dem nächsten Buchrücken muss ich schmunzeln. Die Stadt hinter dem Strom. Der Schrank wird gesponsert, erklärt ein Schild an der Seite, von einem Energiekonzern.

Ich nehme ein amerikanisches Taschenbuch heraus, das ich schon länger lesen wollte und setze mich auf eine der grünen Gitterbänke vor dem Deichmann. Es ist eine dreigeteilte Bank, links sitzt schon ein Mann, also setze ich mich nach rechts und lasse die Mitte frei, wie man das so macht. Zigarettenrauch, der sich nicht an imaginäre Grenzen hält, weht zu mir herüber.
»Verzeihung«, sagt der Mann und macht gleich seine Zigarette aus.
»Rauchen Sie ruhig weiter. Ich hätte mich ja auch woanders hinsetzen können sonst.«
»Ich rauche sowieso zuviel.«
Der Mann ist um die 50, hat ein rotes, etwas aufgequollenes Gesicht und dünnes, strohblondes Haar, das er unter einer Baseball-Kappe verbirgt. In Großbuchstaben steht auf seiner Mütze: BABO. Auch er hat sich am Bücherschrank bedient. Er liest einen Reiseführer, den er jetzt herunternimmt. Mit dem Kinn deutet er auf das Buch, das ich in der Hand halte.

»Sharing is caring, was?« Der Babo grinst.
Ich lächle etwas unbeholfen zurück und lese dann zögernd weiter.
»Der Titel ist interessant.« sagt er. Ich lese The Circle.
»Der Ort, an dem man einen Zirkel einsticht – wissen Sie, wie der auf Griechisch heißt?«
Ich schüttle den Kopf.
»Kentron.« Er kratzt sich im Nacken. »Unser Wort Zentrum kommt daher. Das ist der Mittelpunkt des Kreises.«
Ich nicke. Will er auf irgendwas hinaus? Aus einem Armeerucksack, den er neben sich auf den Boden gestellt hat, zieht der Mann ein Tetrapak Rotwein. »Ich habe so einen Tick, dass ich mich immer für den Kern der Sachen interessiere«, sagt er schulterzuckend und reißt den Wein auf. Das Zentrum sei gleich weit entfernt von allen Punkten auf der Kreisbahn, führt er aus. »Oder der Peripherie.«
Ich nicke wieder, weil ich nicht weiß, was ich darauf antworten soll. Ich denke: Er lebt auf der Straße und beschäftigt sich mit Mathematik.
»Jetzt raten Sie mal, was die ausgerechnet haben, wo die Mitte von Essen liegt?«
»Nicht am Krupp-Denkmal?«
»Nee. Müssen Sie mal googeln, wenn Sie keine Ahnung haben.«

Der Babo nimmt einen großen Schluck Wein, knautscht die Pappverpackung zusammen und steckt sie in den Rucksack zurück. Ich habe mein Smartphone rausgeholt und werde daran erinnert, dass Essen gar nicht so leicht zu googeln ist. Die Suchmaschine denkt, ich wüsste gern, wo es in Berlin-Mitte die besten Restaurants gibt.
»Ganz schön schwer zu finden.«
»Das liegt an dem Homonym. Müssen Sie anders suchen.« Das ist wohl wieder Griechisch. Leider sagt es mir nichts. Der Babo sieht mein irritiertes Gesicht und lacht.
»Essen und Essen, Stadt und Mahlzeit. Gleicher Klang, hier sogar gleiche Schreibweise, aber andere Bedeutung. Das nennt man Homonym.«
Ich versuche es jetzt mit Essen plus Stadt plus Mitte. Auch in Frankfurt kann man im Zentrum ausgezeichnet speisen, sagt Google. Erst weiter unten werde ich fündig.

»Im Rüttenscheider Schwimmbad?«
»Da können wir nach der Stadtmitte tauchen gehen.«
»Ich dachte echt, das Zentrum wär da bei der Krupp-Statue, die immer besprayt und wieder sauber gemacht wird. Beziehungsweise am Dom halt.«
Ich habe mich vorher nie damit beschäftigt, aber hätte irgendwie gedacht, ein Zentrum wäre was Geschichtliches. Der historische Stadtkern, sagt man das nicht manchmal? Eben da, wo die Stadt entstanden ist. Aber das muss natürlich nicht die Mitte sein, geographisch betrachtet. Aber wenn da im Zentrum schon kein Dom steht, dann doch zumindest ein Einkaufszentrum, heutzutage. Aber eine Badeanstalt? Ich denke an die gelbe Schwimmbrille, die ich am Montag in dem Einkaufszentrum gekauft habe, wo ich bis dahin das Zentrum vermutet hatte. Pro Swim Googles nannte sich das Produkt. Ach nein, Goggles.

»Manche meinen ja, dass es hier überhaupt keine Mitte gibt«, sagt der Babo. »Weil das Ruhrgebiet so schnell aus dem Boden geschossen ist«, erklärt er, »und dazu die ganzen Grabungen – da ist die verschütt gegangen.«
Wäre möglich... Aber wenn das stimmte, dann wären die Essener jetzt mittelos.
Mit einem 'l', denke ich – oder habe ich das gesagt?
Der Babo fragt mich nach Feuer. Er möchte sich seine Zigarette wieder anstecken. »Mittelosigkeit«, sagt er, »das lohnt sich auch, mal in Ihre Maschine einzutippen.«

Google schlägt mir höflich eine Rechtschreibkorrektur vor. Meinten Sie Mittellosigkeit?
Trifft ein Homonym auf eine Suchmaschine. Wahrscheinlich suche ich nach dem Zentrum besser direkt auf Maps. Der Babo schüttelt den Kopf.
»Ich würde danach nicht geographisch suchen. Besser arithmetisch.«
»Arithmetisch?«
»Sie nehmen die Summe aller Essener.« Er zieht an seiner Zigarette und hat anscheinend vergessen, dass sie nicht an ist. Irritiert blickt er auf den Stummel.
»Und wozu?«
»Um den typischen Essener zu ermitteln. Darüber schreiben Sie doch, oder nicht?«
Woher weiß er davon? Tue ich das?
»Zum Beispiel interessiert doch die Leser, was ein Essener gern isst. Zum Frühstück meinetwegen. Welches Lied er oder sie rauf und runter hört. Oder wie viele Kilometer er sich am Tag so bewegt. Dazu gibt es natürlich Statistiken.«
Ja, sowas habe ich mir schon mal angeschaut, im Atlas des Ruhrgebiets.
»Der entscheidende Punkt ist: Sie addieren all diese Zahlen, zum Beispiel 700000 Frühstückseier oder alle Essenerinnen mit dem Lieblingslied Atemlos – und dann teilen Sie sie durch die Anzahl Einwohner, die die Stadt hat. Summe aller Essener, die eine Eigenschaft erfüllen, durch ihre Gesamtanzahl – so bilden Sie das arithmetische Mittel.«
»Den Durchschnitt?«
»Kann man auch sagen, ja.«
»Und dann?«
»Sie sind aber wirklich schwer von Kapee. Dann wissen Sie natürlich, wie der typische Essener so tickt. Der in der Mitte.«
Ich sage ihm, dass ich das ein bisschen künstlich fände, so mathematisch danach zu suchen. »Ich meine, dann erfahre ich vielleicht sowas wie, dass er 1,4 Kinder hat, aber niemand hat doch in Wirklichkeit 1,4 Kinder.«
»Wissen Sie das?«
Das vermute ich nur. »Aber eigentlich suchen wir ja auch nicht den gemittelten Essener, sondern bloß die Mitte von Essen.«
»Wie ich anfangs sagte – da hilft Ihnen ein Zirkel. Einen Stadtplan haben Sie ja, oder? Steht sonst einer im Bücherschrank.«
Ich hole den Stadtplan aus dem Schrank des Wissen spendenden Stromanbieters und lege ihn in die Mitte zwischen uns auf den leer gebliebenen Sitz. »
Aber woher weiß ich jetzt, wo ich den Zirkel einstechen muss?«
»Versuchen Sie es hier, wo wir uns gerade befinden.«
Mit zwei Fingern ahmt er einen Zirkel nach, setzt den Zeigefinger auf den Rüttenscheider Stern und zieht mit dem Daumen eine Kreisbahn. Sie läuft durch Haarzopf, Vogelheim, Kray.
»Da ist die Peripherie«, sagt der Babo.
Ich nicke. Das kann ich bestätigen.
»Von hier aus gesehen«, fügt er hinzu. Er setzt den Zeigefinger neu an, diesmal auf Vogelheim und zieht einen zweiten Kreis. Jetzt liege ich in der Peripherie.

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